Abbildung VersorgungsverbesserungsgesetzVersorgungsverbesserungsgesetz

Wirklich besser, weil jetzt alle mitspielen dürfen?

Mit dem Gesetz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Pflege schiebt der Bund viele Neuregelungen im Bereich Gesundheit und Pflege an. So soll jeder Versicherte einen Anspruch auf eine elektronische Patientenakte haben, es soll mehr Personal im Bereich des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und in der Altenpflege und mehr Hebammen in Kliniken geben. Weiter ist vorgesehen die Gesetzliche Krankenversicherung finanziell zu stabilisieren.

Das Gesetz sieht für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) einen ergänzenden Bundeszuschuss aus Steuermitteln in Höhe von fünf Milliarden Euro vor. Außerdem werden aus den Finanzreserven der Kassen einmalig acht Milliarden Euro entnommen und in den Gesundheitsfonds überführt.

Die Krankenkassen erhalten erweiterte Spielräume für Selektivverträge über die Gesetzliche Krankenversicherung hinaus. Auf diese Weise soll regionalen Versorgungsbedarfen stärker Rechnung getragen werden. In der Altenpflege sollen 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte geschaffen und finanziert werden.

Alle diese Maßnahmen sollen zur Verbesserung der Versorgung der Patienten beitragen – ob das wirklich so ist und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben, wollen wir in der aktuellen „talk about“-Reihe näher erläutern und mit unterschiedlichen Marktteilnehmern diskutieren.

Talk about mit Laura Lüth

Interview mit Laura Lüth

Geschäftsführerin der Ärztegenossenschaft Nord eG (äg Nord)

vom XX.XX.2021

FKQS: Wie stellen Sie sich die genaue Umsetzung des Gesetzes vor?

Laura Lüth: Die Umsetzung der im Gesetz beschriebenen Verbesserungen benötigt viel Zeit und das wird das Problem sein. Anschubfinanzierung ist nett, aber eben zeitlich begrenzt. Das haben wir schon oft bei Selektivverträgen oder auch Innovationsfondsprojekten erlebt.

Das Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz deutet für uns als Ärztegenossenschaft eindeutig in Richtung Selektivverträge. Wo könnten SGB V-übergreifend Verträge zur Verbesserung der regionalen Versorgung möglich gemacht werden. Ansätze gibt es sicher viele. Aber das Gesetz schafft wieder nur Rahmenbedingungen.

Im Prinzip sollen alle nun los laufen, zusätzliche Stellen sollen geschaffen werden, aber was passiert nach Auslauf von Fördermitteln. Die Ressourcen sind begrenzt.

Was denken Sie, welche Verbesserungen/Möglichkeiten werden sich dadurch für Sie oder Ihre Einrichtung ergeben?

Laura Lüth: Es sitzen viele Player mit am Tisch. Regionale Projekte sollen laut Gesetz gefördert werden. Notwendig wäre, dass gleich mehrere Kassen sich engagieren. Die Stimmung in Schleswig-Holstein scheint auch bei allen Kassenvertretern positiv, die Umsetzung in die Praxis ist aber der Prüfstein.

Es stellt sich die Frage: Ist kassenübergreifende Zusammenarbeit überhaupt umsetzbar. Im Gesetz ist das nicht wirklich festgehalten. Hier in Schleswig-Holstein haben wir mit der äg Nord bereits die Basis für einen ständigen Austausch. Die Rahmenbedingungen zur Umsetzung von Projekten und Verträgen wurden durch das Versorgungsverbesserungsgesetz allerdings nicht deutlich verbessert.

Ein weiteres Beispiel ist, dass Ärztenetze inzwischen den Leistungserbringerstatus erhalten haben, ihn aber noch nicht leben können. Ergänzend dazu besteht für die von uns betriebenen Zentren und für jeden niedergelassenen Arzt ebenfalls noch Verbesserungspotential: Die MFAs, eigentlich eine der tragenden Säulen bei der Umsetzung, wurden wieder vergessen, im EBM gibt es keine neuen Finanzierungsansätze, für größere Einheiten ist ein*e Praxismanager*in oder Case Manager*in unerlässlich und doch gibt es keine finanziellen Abrechnungsmöglichkeiten für diese delegierbaren Aufgaben. Das wird alles überhaupt nicht abgebildet im Versorgungsverbesserungsgesetz.

Im stationären Bereich wurde die Pflege bereits vor Jahren finanziell entkoppelt. Diese Überlegungen kommen im ambulanten Bereich nicht vor. Auch in der ambulanten Versorgung sind die Personalkosten extrem gestiegen, allerdings ohne spürbare Verbesserung der Vergütung. Wenn keine zusätzlichen Leistungen für das Management regionaler Versorgungsstrukturen und damit zusätzliches Geld zur Verfügung gestellt wird, wird sich die Versorgung nicht verändern.

Wen sehen Sie als Partner und wenn, wofür? Abrechnung, Leitung, Koordinatoren…?

Laura Lüth: Die äg Nord ist im Bereich der Entwicklung und der Abrechnung von Selektivverträgen bereits stark engagiert. Hier bieten sich sicher viele neue Möglichkeiten durch das Versorgungsverbesserungsgesetz. Meine Hoffnung ist, dass die Übergangsphasen zwischen Förderprojekten und Selektivverträgen einfacher gestaltet werden können. Mit den Krankenkassen steht die äg Nord in regelmäßigem Austausch. All das funktioniert in dem kleinen Bundesland Schleswig-Holstein schon über viele Jahre sehr gut und durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wird es leichter sein, gemeinsam neue Wege zu gehen und flexibler zu reagieren.

Auch die Zusammenarbeit mit den Ärztenetzen als Partner bietet sich in Zukunft noch stärker an. Über den Dachverband der Praxisnetze (DPN-SH) sind diese in Schleswig-Holstein bereits gut organisiert.

Wo sehen Sie die Pharmaindustrie als potenziellen Partner?

Laura Lüth: Die äg Nord hat in der Vergangenheit bereits Projekte gemeinsam mit der Pharmaindustrie gestartet. Hier muss aber auch die Kontinuität gesichert sein, über das übliche eine Jahr hinaus. Wechsel im Management können dann hinderlich sein. Die Industrie ist hier gefordert eigene Ideen einzubringen, wie das Thema regionale Versorgungsstrukturen gefördert werden kann. Um langfristig zusammen zu arbeiten, braucht es allerdings verlässliche Zusagen.

Das übergeordnete Ziel muss doch immer die Verbesserung der Versorgung sein und dieses Ziel erreicht man nur durch Kontinuität.

Regionale Versorgung und regionale Budgets, was halten Sie eher für möglich?

Laura Lüth: Auch als Koordinator in regionalen Projekten hat sich die äg Nord einen Namen gemacht – die erste deutschlandweite Eigeneinrichtung in Büsum ist das wohl bekannteste Projekt von uns.

Dennoch ist es auch nach Jahren noch so, dass Dritte, oft Kommunen, die Finanzierung dieser Projekte übernehmen müssen. Damit kommen Steuergelder zum Einsatz, ähnlich wie bei der dualen Finanzierung im stationären Bereich. Alternativ oder ergänzend sind es oft Fördermittel, welche neue Strukturen erst ermöglichen – auch hier stellt sich mir offen gesagt die Frage der Langfristigkeit: Was ist, wenn die Förderung ausläuft?!

Regionale Budgets, wären definitiv sinnvoller als externe Mittel zu beantragen – als Ärztegenossenschaft haben wir solche Überlegungen bereits in der Vergangenheit angestoßen. Leider sind die Ideen gescheitert – möglicherweise bereits an der Mentalität der Beteiligten, die Angst vor dem Verlust der Kontrolle haben. Das Sektorendenken ist immer noch sehr stark verankert. Jeder ist in seiner Blase gefangen. Eine bessere Verzahnung wäre für alle wertvoll. Die Inseln sind ein gutes Beispiel, geradezu prädestiniert für Pilotregionen mit regionalen Budgets, da sie kleine abgekapselte Systeme darstellen. Mit viel Energie und Überzeugungsarbeit könnten wir dort vielleicht Bewegung hineinbringen.

Welche Herausforderungen sehen Sie grundsätzlich?

Laura Lüth: Die Pandemie hat die Wichtigkeit der ambulanten Versorgung deutlich dargestellt – und dennoch hat man erneut den Eindruck gewonnen, dass das Versorgungsverbesserungsgesetz hier nicht ansetzt. Die Ansätze sind durchaus gut – ich sehe viele Chancen im Gesetz: Der Gesetzgeber beschäftigt sich mit der regionalen Versorgungssituation; Geld soll investiert werden, aber über die inhaltliche Gestaltung hat man sich bisher noch zu wenige Gedanken gemacht. Die Sektoren müssen dringend durchlässiger werden. Und der ambulante Bereich muss dringend die Wertschätzung, auch in finanzieller Hinsicht, erhalten, die er verdient.

Als Herausforderungen fällt mir in den Praxen als erstes die Digitalisierung ein. Eine Mitgliederumfrage 2020 hat ergeben, dass der Großteil der Niedergelassenen die Digitalisierung unterstützt und positiv sieht. Dennoch müssen hier große Investitionen durch die Praxisinhaber geleistet werden – und eine Refinanzierung dieser ist leider in der aktuellen Vergütung und Versorgung nicht vorgesehen.

Auch der Datenschutz ist wichtig, aber manchmal unglaublich schwer zu realisieren. Die Bürokratie in der Pandemie alleine bei der Impfung gegen Covid19 ist überbordend.

Der Gesetzgeber ist jetzt aufgefordert, diese Hürden abzubauen!

Wird es regionale Unterschiede geben und falls ja, warum?

Laura Lüth: Schleswig-Holstein ist ein gutes Beispiel für die unterschiedlichen Herausforderungen: ländlicher – städtischer Bereich, große Universitätsstädte, die Nähe zu Hamburg. Hier sind sehr unterschiedliche regionale Strukturen vorgegeben. Auch die neue Bedarfsplanung zeigt, dass man in Schleswig-Holstein miteinander redet und dann Entscheidungen treffen und Meinungen revidieren kann. Trotzdem helfen neue Arztsitze nicht, wenn in Metropolregionen keine Immobilien zur Verfügung stehen. Jede Region hat ihre eigenen Herausforderungen und deshalb sollten individuelle Lösungen gesucht und gefunden werden.

Entscheidend sind jedoch aus meiner Erfahrung auch immer die Personen vor Ort. Die Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszusehen. Oft macht Not erfinderisch und erhöht die Bereitschaft neue Wege zu gehen. Es wird hier immer regionale Unterschiede geben, aber wir in der äg Nord werden nicht müde, neue Lösungen zu entwickeln.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

Das Gespräch wurde von Helga Schilk und Dr. Claudia Ehrenhofer geführt.

Curriculum Vitae Laura Lüth

05/2021 – heute Geschäftsführung Ärztegenossenschaft Nord eG
05/2021 – heute Geschäftsführung mediageno Verlags GmbH
05/2019 – 04/2021 Stellvertretende Geschäftsführung Ärztegenossenschaft Nord eG
05/2019 – heute Geschäftsführung Dokterhuus Silberstedt gGmbH (MVZ)
01/2018 – 03/2020 Ressortleitung Regionale Versorgung bei Ärztegenossenschaft Nord eG
09/2016 – 12/2017 Projektleiterin bei Ärztegenossenschaft Nord eG

Bachelor- und Masterstudium der Betriebswirtschaftslehre (Schwerpunkt Gesundheitsökonomie) in Lübeck