Talk about mit Jochen Gerlach und Hanno Krause

Interview mit Jochen Gerlach (Facharzt für Innere Medizin) und
Hanno Krause (Bürgermeister der Stadt Kaltenkirchen)

vom 21.10.2020 per Videokonferenz

Foto Jochen Gerlach
Jochen Gerlach
Foto Hanno Krause
Hanno Krause

Wie empfinden Sie die aktuelle Versorgungsstruktur? Was war für Sie der Auslöser als Kommune aktiv zu werden?

Hanno Krause: In Kaltenkirchen können die Hausärzte seit ca. 2 Jahren überwiegend keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Das ist nicht in Ordnung.

Unsere Stadt wächst in der Hamburger Metropolregion in allen Bereichen der Infrastruktur sehr gut, jetzt liegen wir schon bei 23.000 Einwohnern. Wir sind zweitjüngste Stadt im Lebensaltersdurchschnitt hinter Kiel. Das ist ein tolles Ergebnis einer gesunden Stadtplanung. Es gibt eine hohe Versorgung im Arbeitsmarkt, sehr gute und vielfältige Kita- und Schulstrukturen, gute Einkaufsmöglichkeiten und verkehrliche Anbindungen mit der BAB A7 und der AKN (Altona-Kaltenkirchen-Neumünster Eisenbahn GmbH). Das sind optimale Voraussetzungen.

Leider konnte die medizinische Versorgung wegen veralteter Zulassungsvoraussetzungen nicht ausreichend mitwachsen.

Die Patienten müssen sich deshalb oftmals leider bereits einen Hausarzt in anderen umliegenden Orten suchen. Wir beschäftigen uns seit 5 Jahren intensiv mit dieser Situation. Dazu kommt, dass Hausärzte in den letzten Jahren in Ruhestand gegangen sind und Nachfolger schwer zu finden sind, die das wirtschaftliche Risiko einer selbst geführten Praxis übernehmen wollen.

Die Verbindung zur KV SH hat sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert. Es besteht eine sehr gute und konstruktive Zusammenarbeit mit Frau Bianca Hartz in der Zulassungsabteilung. Anfangs sind wir mit gemischten Stadt-Ärzte-Teams zur KV SH gefahren und haben Überzeugungsarbeit für Sonderbedarfe geleistet. Infolgedessen haben wir in der Chirurgie und Onkologie sowie Kinderärztlichen Versorgung zulegen können. Inzwischen haben wir auch 4 neue Zulassungen für zusätzliche Hausarztstellen bekommen. Über den Sonderbedarf versuchen wir weitere Stellen im fachärztlichen Bereich zu erhalten.

Damit gehen wir als Kommune bisher ungewohnte Wege, sehen aber die ärztliche Versorgung natürlich als wichtige Aufgabe der Daseinsvorsorge und werden uns weiterhin intensiv dafür einsetzen.

Jochen Gerlach: Anfangs hieß es, dass Kaltenkirchen eine krasse Überversorgung hat. Auf unseren Druck hin wurde alles neu betrachtet und berechnet. Ein echter Erfolg! Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt mit der Besetzung der neuen Stellen. Interesse von jungen Kollegen zeichnet sich jetzt zum Glück ab. Die Niederlassungsprämie der Kommune ist schon eine Entscheidungshilfe und eine sinnvolle Investition.

Hanno Krause: Ja genau, pro Arzt, der sich bei uns niederlässt, gibt es 10.000 € mit der Bedingung, 5 Jahre zu bleiben. Dazu kommt die persönliche Begleitung durch die Stadtverwaltung z. B. bei der Immobiliensuche und bei allen weiteren Fragen. Das ist besonders wichtig und wird extrem geschätzt.

Muss aus Ihrer Sicht die KV/das Ärztenetz hier weiter unterstützen, beraten oder informieren?

Hanno Krause: Mit dem Ärztenetz sind wir bereits seit Jahren gemeinsam in einem Boot. Probleme lösen wir hier partnerschaftlich. Anfangs war eine Gründung eines kommunalen MVZ in Planung. Jetzt sind es aufgrund der aktuellen Gegebenheiten dezentrale Einzel- und Zweier Praxen geworden, die über die ganze Stadt verteilt sind. Das bedeutet einen leichteren Zugang für unsere Bürger*innen zu Ärzten.

Ein Ärztehaus ist trotzdem weiterhin in Planung mit Zahnmedizinern und weiteren Fachärzten unter einem Dach, das den Ärzten zur Verfügung gestellt werden soll. Dazu sollen auch andere medizinische Dienstleistungen vor Ort angeboten werden.

Teampraxen sollen von der KV finanziell unterstützt werden, ist Ihnen das bekannt? Und ist das eine Modelllösung, die für Sie interessant sein könnte?

Hanno Krause: Eine dezentrale Lösung wird von uns aktuell bevorzugt, aber auch das Ärztehaus am Kisdorfer Weg. Zusätzlich ist eine Teampraxis oder/und Ärztehaus in dem dortigen Bebauungsplan schon vorgesehen. Wir planen ein modernes Gebäude.

Junge Ärztinnen wollen heute oftmals nicht mehr Vollzeit arbeiten, sondern angestellt werden, das geht nur über die jetzigen Praxen. Im Bereich der radiologischen Versorgung gibt es eine große Lücke in Kaltenkirchen und dem Umland mit fast 70.000 Menschen. Dort wollen wir auch tätig werden.

Warum glauben Sie, dass immer weniger junge Mediziner und Medizinerinnen sich für die Fachrichtung Praktischer Arzt, Hausarzt entscheiden?

Jochen Gerlach: Die Fachrichtung Allgemeinmedizin wird im Studium „nörgelig“ beschrieben. Heute ist aus meiner Sicht eine familienfreundliche Gestaltung möglich. Es gibt immer noch die „Verarmungsängste“ bei den werdenden Ärzt*innen. Unser Berufsstand muss lernen, den jungen Kolleg*innen zu sagen, dass es ist ein traumhafter Beruf ist. Die Bürokratie hindert die Ärzte an ihrer täglichen Arbeit, die Medizin fällt hinten runter. Es gibt doppelte Arbeiten, wie z. B. bei der AU, elektronisch reicht nicht, sondern es wird auch noch ein Zettel ausgedruckt. Oder Qualitätsmanagement Hygiene, die Ordner sind gut gepflegt, an der echten Umsetzung hapert es dann.

Hanno Krause: Eine Entbürokratisierung ist dringend notwendig. Der Arzt muss mehr Zeit haben, Arzt am Patienten und nicht Bürokrat zu sein. Wir haben eine Unterversorgung in Kaltenkirchen. Deshalb bringen wir beides auf den Weg, das Ärztezentrum, kann auch ein MVZ werden, und die Einzelpraxis. Wir begleiten die Ärzt*innen sehr gern von Anfang an. Das wird wertgeschätzt.

Jochen Gerlach: Bei uns gibt es einen kollegialen Umgang. Sei es bei BWL-Fragen, welche Sonografie Firma, wen für den Innenausbau meiner Praxis sollte ich wählen. Das Ärztenetz hat immer ein offenes Ohr und gibt Tipps weiter.

Hanno Krause: Wir müssen die Rahmenbedingungen für zukünftige Hausärzte ändern.

Jochen Gerlach: Ja genau, die fachlichen Rahmenbedingungen. Die Weiterbildung als Assistenzarzt sollte schon in der Region stattfinden. Auf dem Weg zum Facharzt beginnt meist die Familienplanung. Deshalb sollten wir möglichst viele Weiterbildungs-Assistenten in die Region holen.

Eine Förderung für Weiterbildung ist möglich. Synergien und Kooperation sind wichtig, auch in der Weiterbildung.

In einigen Teilen Schleswig-Holsteins ist es schwierig, einen Nachfolger zu finden. An der Westküste haben viele Praxen sehr hohe Scheinzahlen, da braucht es viel mehr Ärzte, um einen ausscheidenden Arzt zu ersetzen. Da bräuchte es fast 4 Ärzte, um einen zu ersetzten, der aufhört. Das hat sich über die Jahre leider so entwickelt und es kommt hinzu, dass ein Teil der Patienten auf dem Land übergriffig ist und einfach zu allen Tages- und Nachtzeiten, auch am Wochenende, in der Praxis vorbeikommt. Das wollen die jungen Ärzte heute nicht mehr. Auch die möchten irgendwann mal Feierabend haben.

Glauben Sie, dass sich die Telemedizin zukünftig fest etabliert?

Jochen Gerlach: Ich mache regelmäßig Videosprechstunden mit Patienten aller Altersgruppen. Gerade die Telemedizin ist unter den Corona-Bedingungen sehr gut und zeitschonend für die Praxen. Die Vielfältigkeit ist wichtig. Leider ist die Technik immer wieder ein Hindernis, wie z. B. meine ärztliche Signaturkarte, die schon nach 8 Monaten veraltet ist. Auch werden von mir NäPAs in Altenheimen eingesetzt, die Befunde dokumentieren. Eine Videosprechstunde in den Altersheimen ist bereits in Planung.

Hanno Krause: Telemedizin ist ein Stück der Zukunft! Das nicht Erscheinen in der Praxis ist für die Genesung des Patienten manchmal besser. Telemedizin sollte daher ergänzend sein, aber nicht ausschließlich, sonst fehlen auch soziale Kontakte. Gerade bei älteren Menschen sind Hausbesuche wichtig.

Die Stadt sollte sich auch engagieren für angestellte Ärzte, ähnlich MVZ, auch das ist Daseinsvorsorge. Es muss im Einklang sein mit den niedergelassenen frei-beruflichen Ärzten. Ich meine, der Staat hat da eine wichtige Ergänzungsfunktion. Mehrere Fachärzte unter einem Dach hat viele Vorteile für die Ärzte, aber insbesondere auch für die Patienten. Ich denke da an die zentrale Anmeldung sowie Abrechnung, den ärztlichen Fachaustausch, die Wirtschaftlichkeit teurer Geräte, die Weiterbildung der Ärzte, Teilzeitmodelle gerade für Ärztinnen usw.

Das Gespräch wurde per Videokonferenz von Helga Schilk und Dr. Claudia Ehrenhofer durchgeführt.

Kurzvitae

Jochen Gerlach
Geboren 1971 in Halle/Saale
2003 Facharzt für Allgemeinmedizin
2005 Facharzt für Innere Medizin
Seit 01.01.2004 in eigener allgemeinmedizinisch-internistischer Hausarztpraxis niedergelassen

Hanno Krause
56 Jahre
Bürgermeister der Stadt Kaltenkirchen seit 2012